Allergien – Fehler im System

Allergisch auf etwas zu sein – ob auf Pollen, Bienengift, Staubmilben, Tierhaare,  Schimmelpilze oder sogar Nahrungsmittel – wird heute schon medienwirksam als „Volksseuche des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Sofern dies zutrifft, ist der moderne  Mensch daran nicht ganz unschuldig.

Forschungen wie die ALEX-Studie, bei der Kinder mit Stall- und Rohmilchkontakt mit solchen ohne diese Berührung verglichen wurden, untermauern die, von etlichen Immunologen aufgestellte, „Dreck- und Urwaldhypothese“. Hier führen die Wissenschaftler den beobachteten Anstieg allergischer Erkrankungen in westlichen Industrieländern auf eine Unterforderung des Immunsystems zurück – dies vor allem durch übertriebene Hygienemaßnahmen in der Kindheit und frühen Jugend. Es wird vermutet, dass der Kontakt mit bestimmten Bakterien, insbesondere in den ersten Lebensmonaten, wichtig ist, um das Immunsystem zu desensibilisieren. Andernfalls werden Kinder abhängig von einer sterilen Umgebung.

Was geschieht bei einer Allergie?

Der Ausdruck „Allergie“ stammt aus dem Altgriechischen „allos“ = „anders“ und „ergein“ = „reagieren“. Er bedeutet also, dass ein Allergiker anders auf bestimmte Stoffe oder Nahrungsmittel reagiert als gesunde Menschen. Sein labiles Immunsystem glaubt, in diesen Substanzen „Feinde“ zu erkennen und reagiert mit der Produktion von Antikörpern (Antigenen) gegen das artfremde Eiweiß.

Wenn unser Organismus meint, Blütenpollen, Tierhaare, Staub oder bestimmte  Nahrungsbestandteile „bekämpfen“ zu müssen, hat das Immunsystem bereits verlernt, zwischen gefährlichen und harmlosen Eindringlingen zu unterscheiden. Wird der Körper mit Viren oder Bakterien konfrontiert, ist eine Immunreaktion sinnvoll und notwendig, bei Allergien aber nicht. Diese Immunschwäche macht den Körper wiederum empfänglich für immer neue Allergien und vermeintliche Angreifer – ein Teufelskreis.

Unter den Immunreaktionen unterscheidet man zwischen „Normergie“ (normale Abwehrreaktion), „Hyperergie“ (Überreaktion) und „Immunität“ (keine Reaktion mehr, weil der Stoff neutralisiert wurde). Eine Allergie ist praktisch auf halbem Wege stehen geblieben, denn eine Immunität tritt niemals ein. Das Immunsystem befindet sich also ständig im Alarmzustand. Diesen zu beenden, statt nur die Symptome zu behandeln, sollte das Ziel einer sinnvollen Allergiebehandlung sein.

Auswirkungen von Allergien

Die akuten Symptome einer Allergie reichen, die Schleimhäute betreffend, von tränenden Augen, einer laufenden Nase oder chronischem Husten bis hin zu Asthma und Atemnot. An der Haut zeigen sich Juckreiz, Nesselausschläge und Ekzeme. In den meisten Fällen bleibt es für Allergiker nicht bei sichtbaren Beschwerden der Schleimhäute, sondern es treten bei Nahrungsmittelallergien zugleich Verdauungsprobleme auf: von Übelkeit und Erbrechen über Durchfall, Sodbrennen oder Blähungen bis hin zu Migräne, Muskelschmerzen (Fibromyalgie), Depressionen und chronischer Müdigkeit, für die man keine Ursache findet. Hier zeigt sich entweder eine akute Immunreaktion bei sogenannten Kreuzallergien, oder die Beschwerden treten als verzögerte Nahrungsmittelallergien auf, deren Symptomatik so vielfältig sein kann, dass viele Ärzte große Probleme mit der Diagnostik haben. Oft werden deshalb gerade solche verzögerten allergischen Reaktionen auf Nahrungsmittel als „psychisch bedingt“ oder gar „eingebildet“ interpretiert und die Betroffenen jahrelang fehlbehandelt bzw. mit ihrer Verzweiflung alleingelassen.

Da Nahrungsmittelallergien sichtlich im Zunehmen begriffen sind und deren Symptome sich stark auf die seelische Befindlichkeit bzw. die Gehirnchemie auswirken können, sprechen Fachkreise auch von einer zerebralen Allergie. Die stärkste allergische Reaktion ist ein anaphylaktischer Schock. Er entsteht durch die extreme Erweiterung der Blutgefäße und kann im schlimmsten Fall tödlich enden.

Im Berufsalltag büßen Allergiker 10 bis 30 Prozent ihrer Arbeitsleistung ein. Dies ist bedingt durch Schlafmangel, Konzentrationsschwierigkeiten und (medikamenteninduzierte) Müdigkeit. Schon dieser Umstand spricht für ein ursächliches Behandlungskonzept.

Vorkommen und Häufigkeit von Allergien

Inzwischen gilt es als wissenschaftlich gesichert, dass allergische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten in industrialisierten Ländern zugenommen haben. Nach Schätzungen des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen sind 24 – 32 Mio. Deutsche allergisch vorbelastet, haben 12 Mio. Menschen allergischen Schnupfen und leiden 4 Mio. an Bronchialasthma. Extrem hohe Allergieraten weisen westdeutsche Frauen im Alter von 30 bis 39 Jahren auf (62 %).

Weltweit leiden bereits 300 Millionen Menschen an Asthma. In Europa stehen Allergien an erster Stelle der chronischen Krankheiten. Rund 35 % der Personen im arbeitsfähigen Alter und jedes dritte Kind sind betroffen.

Einige Allergien treten altersbedingt gehäuft auf. Das gilt z.B. für die Milch- und Hühnereiweiß-Allergie, von der häufig nicht oder kaum gestillte Kinder ab der Geburt bis zum fünften Lebensjahr betroffen sind (in diesem Fall ist auch große Vorsicht bei Impfungen geboten). Mit zunehmendem Alter scheint die Allergieanfälligkeit geringer zu werden, wahrscheinlich aufgrund einer schwächeren Reaktion des Immunsystems. Es können aber jederzeit zusätzliche Allergien auftreten, und im Alter nehmen aufgrund der Verdauungsschwäche auch die Intoleranzen zu.[38]

Diagnostik und Behandlung von Allergien

Die konventionelle Allergiediagnostik erfolgt durch Hauttests (Prick- oder Scratch-Test) sowie einer Blutuntersuchung auf Antikörperbildung. Eine Kombination von beidem ist in jedem Fall anzuraten – schon deshalb, weil bei den üblichen Pflaster- und Provokationstests statistisch gesehen jeder zweite keine brauchbaren Ergebnisse liefert. Eine Familienanamnese des Patienten sowie eine genaue Analyse der Lebens- und Essgewohnheiten (Rauchen, Umweltbelastung, Stress etc.) ist ebenfalls hilfreich. Daneben ist die Führung eines Allergie-Tagebuches durch den Betroffenen sinnvoll und nützlich.

Akute Allergien werden in der Regel mit speziellen Medikamenten behandelt, allen voran entzündungshemmende Antihistaminika und Kortisonverbindungen. Sie beseitigen quälende Symptome und sind in Notfällen sicherlich angebracht. Dennoch muss das Ziel eine ursächliche Therapie sein.

Zur langfristigen Behandlung von Allergien wird konventionell die sogenannte Desensibilisierung angewandt. Vielversprechend bei dieser spezifischen Immuntherapie
sind Gräsertabletten aus der Apotheke, durch die man sich eine langfristige Besserung der Beschwerden erhofft. Im Unterschied zu einem Placebo konnte nach Behandlung mit der Gräsertablette eine dauerhafte und hoch signifikante Reduktion sämtlicher Symptome an Nase und Augen beobachtet werden. Das zeigten bereits Studiendaten, die anlässlich des europäischen Allergiekongresses EAACI 2007 (European Academy of Allergology and Clinical Immunology) in Göteborg präsentiert wurden. Die Symptomreduktion umfasste Beschwerden wie Niesen, eine verstopfte, rinnende und juckende Nase sowie juckende und wässrige Augen. Die Gräsertablette reduzierte jedes einzelne dieser Symptome zwischen 22 und 24 % stärker als die herkömmlichen symptomlindernden Medikamente (Kortisonpräparate).[39]

Obwohl Gräsertabletten bisher nur für die Behandlung von allergischem Heuschnupfen zugelassen sind (auch für Kinder ab 5 Jahren), zeigt die Studie auch bei Kindern mit Asthma eine signifikante Verbesserung ihrer Beschwerden. Asthmasymptome wie Keuchen, Husten, Kurzatmigkeit etc. konnten um 64 Prozent und die Anzahl der Tage mit Asthmasymptomen um mehr als zwei Drittel reduziert werden. Gräsertabletten sind unter den Markennamen Grazax und Oralair als verschreibungspflichtige Medikamente in Apotheken erhältlich. Leider sind sie mit ca. € 125 pro Monat recht teuer!

Pseudoallergien und Intoleranzen

Nicht alles, was heute so bezeichnet wird, ist tatsächlich eine Allergie. Von echten Allergien muss man sogenannte Pseudoallergien wie etwa „Kontaktallergien“ (Nickel, Latex etc.) oder die „Sonnenallergie“ (polymorphe Lichtdermatose) unterscheiden. Diese beruhen auf einer akuten Immunschwäche, bei der körpereigene Immunzellen (Mastzellen) auf äußere Reize (Sonne, Schweiß etc.) mit der Freisetzung von Substanzen reagieren, die allergieähnliche Wirkung haben.

Manchmal reagiert der Körper auch auf Medikamente, Chemikalien oder Lebensmittelzusatzstoffe (Farb- und Konservierungsstoffe, Aromen und Antioxidantien) mit Abwehr. Hier liegt jedoch keine Allergie, sondern eigentlich eine akute Vergiftungserscheinung vor.

Von den echten Nahrungsmittelallergien, etwa einer Milchallergie, Getreideallergie, Allergien gegen Eier, Soja oder Fisch, unterscheidet man die Nahrungsmittelintoleranzen (Unverträglichkeiten ohne Immunreaktion). Solche treten häufig gegen das Getreideeiweiß Gluten (Gliadin), Milchzucker (Laktose) oder Fruchtzucker (Fructose) auf. Intoleranzen entstehen, wenn dem Körper bestimmte Stoffe (Enzyme) fehlen, ohne die er gewisse Nahrungsbestandteile nicht oder nur ungenügend abbauen kann. Die Auslöser müssen in solchen Fällen rigoros vom Speisezettel gestrichen werden, um Beschwerdefreiheit zu erreichen. Vor allem bei Glutenintoleranz (Zöliakie oder einheimische Sprue) ist dies unbedingt notwendig!

Zunehmend sind auch Histamin-Intoleranzen (Histaminose) zu beobachten. Ursächlich hierfür ist vor allem ein Mangel am histaminabbauenden Enzym Diaminoxidase (DAO). Die Beschwerden treten nach dem Verzehr von histaminhaltigen Speisen und Getränken (z.B. Camembert und Rotwein)* auf und sind möglicherweise auch Folge oder Begleiter anderer Unverträglichkeiten oder von Allergien. Die Histaminose ist eine Abbaustörung – keine Allergie.

Typische Symptome sind plötzliche Hautrötungen, Juckreiz, eine verstopfte oder laufende Nase oder auch Magen-Darm-Probleme wie z.B. Blähungen. Das Beschwerdebild
ist jedoch umfassend und kann sich u.a. in Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Entzündungen, Ödemen, Gelenkschmerzen, Erschöpfungszuständen, Schwindel, Schlafstörungen, Verwirrtheit, Nervosität und depressiven Verstimmungen äußern.

Liegt die Vermutung nahe, dass eine Histamin-Intoleranz vorliegt, dann empfiehlt sich histaminarme Nahrung* und die gleichzeitige Einnahme von Daosin-Kapseln (Apotheke).

* Eine Liste von histaminhaltigen Lebensmitteln sowie eine umfangreiche Wissenssammlung zum Thema Histaminose findet man unter www.histaminintoleranz.ch.

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